Das Originalrezept
«Fein, Grossmame!», pflegte mein Onkel Arnold als anständiger kleiner Bub zu sagen, wenn das Mittagessen beim sonntäglichen Familientreffen wie immer offensichtlich niemandem schmeckte und alle wortlos auf dem Teller herumstocherten. Diese Anekdote wurde in unserer Familie zum geflügelten Wort und zum Synonym für White Lies, zu deutsch Not- oder Höflichkeitslügen. So musste ich recht schmunzeln, als ich in der 1926er Juni-Ausgabe gleich vier (!) Zürcher Rezepte von eben dieser «Grossmame» Anna Guggenbühl-Leuthold entdeckte. Es handelt sich um Desserts, zwei davon sind in Vergessenheit geratene Spezialitäten wie Eieröhrli (eine Variante des Fastnachtsküchlein) oder Nütschnitten, eine Art Hüppenscheiben-Eingeklemmtes mit Konfitüre. Also bloss keine Hemmungen beim Ausprobieren, denn über ihre Süssigkeiten sind keine Legenden überliefert. In diesem Sinne ein echtes «Fein Grossmame!»
Fastitachtsküechli
1 Tasse l-îalini. ca. 50 g süsse Butter, die man warm machte, heisse Milch nach Bedarf. um einen genügend dicken Teig zu erhalten. Dies alles wird an 1250 g Mehl geschüttet (per 500 g Mehl ein Kaffeelöffel Salz dazu geben), der Teig schnell gewirkt und zugedeckt, dass er möglichst warm bleibt. Dann wird er sofort ausgerollt, etwa 1 cm dick, mit dem Küchlirädli in Vierecke geschnitten und in heisser Butter gebacken. Werden die Küchlein nicht sofort verwendet. so schichtet man sie noch heiss in einen gut schliessenden Topf aus Email oder Steingut und deckt denselben sofort gut zu. denn auf diese Art bleiben die Küchlein weich; bei Luftzutritt werden sie spröde.
Frau A. Guggenbühl-Leuthold, Zürich.
Eieröhrli
8 kleinere Eier. 1/2 Tasse Rahm, eine Prise Salz, beinahe 3 Esslöffel gestossenen Zucker. 20—25 g süsse Butter, die man auf dem Feuer zergehen liess. alles 1/4 Stunde tüchtig geklopft, dann langsam Mehl zugegeben. bis der Teig dick genug ist, und 1/2 Stunde stehen lassen. Dann kleine Stückchen abgeschnitten, davon Kügeli geformt (ungefähr in der Grösse eines kleinen Apfels) und möglichst dünn ausgerollt, nachher noch von Hand ganz sorgfältig ausgezogen sein sollten so dünn sein wie Seidenpapier). Sie werden in heisser Butter gebacken. und zwar in einer kleinen Pfanue. damit die Küchlein recht wellig werden. Nach dem Backen gleich mit feinem Zucker bestreuen. Diese Eieröhrli halten wochenlang.
Frau A. Guggenbühl-Leuthold, 'Zürich.
Zuckerwähe
Man belegt eine Backmuffelform oder sonst eine Kuchenform mit geriebenem Teig, schlägt 4 frische Eier darauf, quirlt sie leicht mit einem Löffel und verteilt etwa 5 g süsse Butter in kleinen Stückchen auf der Oberfläche. Dann wird der Kuchen gebacken. Wenn er gar ist, nimmt man ihn auf eine Platte und streut etwa eine halbe Tasse Griesszucker. mit etwas Zimt vermischt. darauf und gibt nochmals kleine Stückchen süsser Butter obenauf, besonders auf die Stellen, die eventuell trocken geworden sind und Blasen geworfen haben.
Frau A. Guggenbühl-Leutold. Zürich.
Nütschnitten
Die bekannten Offleten (bei den Hüppenbäckern erhältlich und aus demselben Teige wie die Hüppen bereitet) werden je zwei aufeinander gelegt, dazwischen dünne Konfitüre gestrichen, die Ränder in Omelettenteig getaucht, dann die so präparierten Offletenpaare in schwimmender Butter gebacken und sogleich serviert.
Frau A. Guggenbühl-Leuthold, Zürich.