Eine Zeitschrift, die Abbild der Schweiz sein wollte: Vor hundert Jahren erschien der «Schweizer Spiegel» zum ersten Mal

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In den 1920er Jahren war die Schweiz durch starke soziale Spannungen geprägt. Dem wollten zwei junge Journalisten entgegenwirken. Mit einer Zeitschrift für «jedermann».

Noch keine dreissig Jahre alt waren Adolf Guggenbühl und Fortunat Huber, als sie sich in ein verlegerisches Abenteuer stürzten, das ihr weiteres Leben prägen sollte. Ohne einschlägige Berufserfahrungen, aber mit umso mehr Enthusiasmus gründeten sie vor hundert Jahren die Monatsschrift «Schweizer Spiegel». Der Name war Programm: Den Schweizerinnen und Schweizern sollte ein Abbild des Landes vorgehalten werden.

Mitte der 1920er Jahre gab es in der Schweizer Gesellschaft starke soziale Spannungen, die sich rund um den Landesstreik vom November 1918 aufgebaut hatten. Die Konfrontation zwischen der Arbeiterschaft und dem Bürgertum hatte das politische Klima vergiftet. Dort setzten Guggenbühl und Huber an: Ihre neue, rund hundert Seiten starke Monatsschrift verstanden sie als Plattform, auf der man sich kennenlernen und gegenseitiges Misstrauen abbauen konnte.

Daher lud der «Schweizer Spiegel» Menschen aller Schichten dazu ein, aus ihrem Erwerbsleben zu berichten: über die Routine des Arbeitsalltags, über berufsspezifische Herausforderungen, aber auch über besondere Erlebnisse. So bekamen die Leserinnen und Leser in jeder Nummer Einblicke in meist fremde Lebenswelten, etwa einer Souffleuse einer Heiratsvermittlerin, einer Telefonistin oder einer Tänzerin, eines Leihhausbeamten, eines Versicherungsinspektors oder eines Rechtsanwalts.

Es gab regelmässig Rundfragen zu unterschiedlichsten Themen: Welches war Ihr tiefstes religiöses Erlebnis? Was mir an Männern nicht gefällt! Fünf Jahre nach der Scheidung! Mein peinlichster Augenblick! Die Leserschaft wurde aufgefordert, der Redaktion Meinungen und persönliche Erfahrungen zukommen zu lassen. Eine Auswahl der Einsendungen wurde dann im «Schweizer Spiegel» veröffentlicht.

Lebenshilfe und Bildergeschichten
Mit einer starken Einbindung der Leserschaft versuchten die Herausgeber das, was die Menschen verbindet, in den Vordergrund zurücken. «Eine Monatsschrift für jedermann», hiess es in den ersten zehn Jahren auf jeder Titelseite. Dann verschwand der Slogan. Guggenbühl und Huber hatten einsehen müssen, dass ihre Zielsetzung über weite Strecken Wunschdenken geblieben war. Sosehr sie sich auch um «jedermann» bemühten: Ihre Leserschaft kam grossmehrheitlich aus dem städtischen Bildungsbürgertum, darunter sehr viele Frauen. Guggenbühls Frau Helen Guggenbühl-Huber, die von Beginn weg zum Redaktionsteam gehörte, war verantwortlich für das Ressort Frau und Familie. Beiträge über Kochen, Gastfreundschaft, Lebensstil und Erziehung machten bald einen Drittel jeder Ausgabe aus. Ausgehend von Erfahrungen, die sie bei einem Aufenthalt in den USA gemacht hatte, ging es Helen Guggenbühl darum, den Schweizerinnen eine modern Haushaltsführung beizubringen, nach dem Credo: Eine verheiratete Frau und Mutter darf nicht in der Hausarbeit versinken, sondern muss auch noch Zeit für anderes haben.

Tipps gab es aber nicht nur für Frauen. Viele Artikel im «Schweizer Spiegel» lassen sich der Sparte «Ratgeberliteratur» zuordnen. Eine prominente Rolle spielte hierbei der an der Uni Basel wirkende Paul Häberlin, Ordinarius für «Pädagogik und allgemeine philosophische Disziplinen». In anspruchsvollen, aber nicht abgehobenen Beiträgen erörterte er regelmässig Fragen des Ehelebens, der Erziehung, der Psychologie und der Religion.

Aber auch für die Kinder hatten Guggenbühl und Huber jeden Monat etwas parat: Rätsel und Bildergeschichten sorgten dafür, dass die neuste Ausgabe ihrer Zeitschrift in den Familien jeweils generationenübergreifend herbeigesehnt wurde.

Gegen Nazideutschland
Einen Namen gemacht hat sich der «Schweizer Spiegel» vor allem aber als Kulturzeitschrift, in der zeitgenössische Autorinnen und Autoren Gedichte, Kurzgeschichten oder Novellen veröffentlichen konnten. Nicht wenige von ihnen wurden später bekannt, etwa Friedrich Glauser mit den «Wachtmeister Studer»-Romanen, Rudolf Graber mit den «Basler Fährengeschichten» oder Kurt Guggenheim mit seinem Zürcher Epochenromanen «Alles in Allem».

Auf Illustrationen und Fotografien legten die Herausgeber grossen Wert. Alois Carigiet, dessen «Schellen-Ursli» (mit dem Text von Selina Chönz) ein Riesenerfolg wurde, und Hans Fischer, der Schöpfer des beliebten Kinderbuchs «Pitschi», waren beide als junge Künstler von Guggenbühl und Huber entdeckt und gefördert worden. Und in fast jeder Ausgab waren Bilder bekannter Fotografen wie René Burri, Otto Pfenninger oder Jakob Tuggener abgedruckt.

Unter dem Spruch «Die Sonne scheint für alle Leut» schrieben die beiden Herausgeber in jeder Nummer ein längeres Editorial, in dem sie ein aktuelles Thema aufgriffen, anfänglich ohne sich politisch zu positionieren. Erst mit der Machtergreifung Hitlers im Januar 1933 bekam die Zeitschrift ein klares politisches Profil. Guggenbühl und Huber riefen die Schweizer und Schweizerinnen dazu auf, jetzt erst recht zusammenzuhalten, die eigenen Werte hochzuhalten und nicht in Pessimismus und Defaitismus zu verfallen.

Jede Anpassung an Nazideutschland bekämpften sie vehement. Derart wurde der «Schweizer Spiegel» zu einer wichtigen Stimme der – wie es damals schon genannt wurde – geistigen Landesverteidigung. Am Konzept der Zeitschrift änderte sich dabei kaum etwas, da die politische Verortung fast ausschliesslich in den Editorials und vereinzelten Artikeln der beiden Herausgeber zum Ausdruck kam.

Die Schweiz als Schweiz bewahren
Diese klare politische Haltung des «Schweizer Spiegels» wurde auch ennet des Rheins registriert. Jakob Schaffner, ein bekannter Schweizer Schriftsteller und glühender Nationalsozialist, der bereits 1911 nach Deutschland emigriert war, soll den beiden Verlegern prophezeit haben, sie würden, sobald Grossdeutschland alle Ziele erreicht habe, an die Wand gestellt.

Die Bewahrung der Schweiz mit ihren Besonderheiten wurde während der NS-Zeit zum publizistischen Fixpunkt des «Schweizer Spiegels». Auch nach dem Wegfall der Bedrohung durch das Nazi-Regime blieben Guggenbühl und Huber diesem Anliegen treu. Neu sahen sie die Schweizer Wesensart durch die Einwanderung Zehntausender Gastarbeiter gefährdet. Bereits am Ende des Weltkriegs warnten sie vor einer Überfremdung des Landes – bei einem Ausländeranteil von damals etwa neun Prozent.

Damit reihte sich der «Schweizer Spiegel» in einen Überfremdungsdiskurs ein, der mit dem konjunkturellen Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue Brisanz erlangte. Guggenbühl und Huber forderten eine Plafonierung des Ausländeranteils. Sie glitte
aber nie ins Chauvinistische ab und betonten, die Schweiz sei nicht besser als andere Nationen, nur anders. Jegliche Form von Fremdenfeindlichkeit lehnten sie ab: Nicht die bei uns lebenden italienischen Gastarbeiter seien das Problem, betonten sie, sondern die Einwanderungspolitik der Schweiz.

Mit den Kreisen, die 1961 die «Nationale Aktion gegen Überfremdung von Volk und Heimat» gründeten, hatten Guggenbühl und Huber nichts am Hut. Schon gar nicht mit James Schwarzenbach, der bald die Überfremdungsdebatte in der Schweiz dominierte und aus einer politischen Ecke (Nationale Front) kam, die vom «Schweizer Spiegel» ab 1933 vehement bekämpft worden war.

«Progressiver Konservatismus»
Vielleicht, um nicht mit fremdenfeindlichen Kreisen in einen Topf geworfen zu werden, trat im «Schweizer Spiegel» die Ausländerpolitik bald wieder in den Hintergrund. Umso mehr wurde nun das herausgestrichen, was die beiden Herausgeber als typisch schweizerisch ansahen. Guggenbühl fand da zu seiner eigentlichen Mission. In unzähligen Artikeln und Vorträgen beschäftigte er sich mit Schweizer Kinderreimen, Sprichwörtern, Volksliedern, Mundarten und mit Fragen der Mentalität.

Guggenbühl und Huber war es gelungen, ihre Monatsschrift heil durch alle Turbulenzen der Weltgeschichte zu manövrieren. Gegen Ende der 1950er Jahre stand der «Schweizer Spiegel» vor grossen Herausforderungen: Die Herausgeber waren älter geworden und mussten sich überlegen, wie es in einer sich rasant verändernden Gesellschaft mit ihrem Lebenswerk weitergehen sollte. Langjährige Abonnenten starben, und für die junge Generation war das Produkt nicht mehr attraktiv genug.

Anfang der 1960er Jahre legten die beiden Gründer den «Schweizer Spiegel» in die Hände des Journalisten Daniel Roth, der ihre weltanschaulichen Positionen teilte. Roth versuchte die Zeitschrift konzeptionell neu auszurichten, konnte sogar die Auflage auf 28 000 Exemplare vergrössern, was aber nicht ausreichte, um in der sich wandelnden Presselandschaft zu überleben.

1971 wurde er durch Alphons Matt ersetzt, der einen völlig anderen Kurs steuerte. Er machte aus der Zeitschrift ein politisches Magazin, in dem internationale Themen einen Schwerpunkt bildeten. Damit vergraulte er die alte Leserschaft, ohne einen genügend grossen neuen Leserkreis zu erschliessen. Ein allerletzter Rettungsversuch durch die «Weltwoche» scheiterte: 1972 musste der «Schweizer Spiegel» sein Erscheinen einstellen, die Redaktionsbüros am Zürcher Seilergraben wurden geschlossen.

Die von Guggenbühl und Huber geschaffene Monatsschrift war Politik-, Kultur- und Familienmagazin in einem. Müsste man ihr ein Etikett umhängen, stünde darauf wohl «progressiver Konservatismus». Die im bürgerlich-liberalen Milieu verwurzelten Gründer, die sich in ihrem Wirken immer von einem christlichen Humanismus leiten liessen, wollten den Sonderfall Schweiz retten bei gleichzeitiger Offenheit gegenüber der modernen Welt.

Zeitgleich mit der Monatsschrift stellte auch der Schweizer-Spiegel- Verlag seine Tätigkeit ein. In ihm waren Bücher erschienen, die sich in fast jedem Schweizer Haushalt fanden: «Die Moorsoldaten. 13 Monate Konzentrationslager» von Wolfgang Langhoff zum Beispiel. Oder die von Alois Carigiet illustrierten Kinderbücher «Schellen-Ursli», «Flurina und das Wildvöglein» und «Der grosse Schnee».

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